Annette Hennig Autorin Aktuelles Home Über mich Aktuelles Veranstaltungen Meine Bücher Blog Kontakt: Leseprobe
Leilani - Die Blume des Himmels Prolog Berlin 1990 Schleppend bahnte sich die Sonne einen Weg durch den Nebel.  Als der Morgen bereits dem Mittag wich, spürte die  junge Frau die wärmenden Strahlen, die ihr Gesicht streichelten und ihre blasse Haut verwöhnten.   Sie stieg in ihr Auto, summte eine leise Melodie und vergaß für Augenblicke ihren Kummer. Ihre Winterjacke hatte sie an diesem ersten Frühlingstag mit der Lederjacke vertauscht, die sie so sehr liebte. Graues, weiches Nappaleder umspielte schmalgewordene Hüften, eine überschlanke Taille und den Busen, welcher merklich an Umfang eingebüßt hatte.  Zierlich war sie schon immer gewesen, doch jetzt bot sie einen geradezu mageren Anblick. Das Leid des vergangenen  Jahres hatte nicht nur körperliche Spuren hinterlassen, auch ihr trauerndes Herz lechzte nach Sonne und wollte Frieden  schließen mit der Qual, die so unverhofft und gnadenlos in ihr Leben getreten war.   Frohen Mutes lenkte sie ihr Auto durch die vertrauten Straßen, doch als sie wenig später vor ihrem Elternhaus parkte, kehrte ihr ganzes Elend zurück. Sie stellte den Motor ab, blieb einige Augenblicke ruhig im Wagen sitzen und blickte  zum Fenster hinaus auf das Haus, in dem sie aufgewachsen war. Lange verharrte sie jedoch nicht hinter dem Lenkrad.  Beherzt stieg sie aus dem Wagen um zu tun, was getan werden musste. Ihr blieb keine Wahl, nur der Blick nach vorn  konnte ihr helfen.   Entschlossen schritt sie auf ihr Elternhaus zu. Zwanzig wundervolle Jahre hatte sie hier verbracht. Vor acht Jahren war sie ausgezogen, bei Freundinnen in einer Wohngemeinschaft untergekommen, und dann, nach Abschluss ihres Studiums, hatte sie sich eine eigene Wohnung eingerichtet.   Zwei Jahre waren seitdem vergangen. Leise seufzte sie. Wie stolz war ihre Mutter damals auf sie gewesen. Später, als sie nicht in ihr Elternhaus zurückgekehrt war, hatte sich Mutters Stolz in Enttäuschung verwandelt. Doch nach ein paar  schweigsamen Wochen war die Traurigkeit ihrer Mutter verflogen und seit jener Zeit konnte die junge Frau ihr neues  Leben in den eigenen vier Wänden genießen.    Gedankenverloren öffnete sie das Gartentor. Sein Quietschen ließ sie trotz ihres Kummers lächeln. Oft hatte dieses  Geräusch sie verraten, wenn sie zu spät nach Hause gekommen war. Immer hatte sie dann ihrer Mutter vorgehalten,  sie fette die Scharniere nur deshalb nicht, um sie zu belauern.   Versonnen schaute sie zur Eingangstür. Vor kurzer Zeit war das Haus frisch gestrichen worden. Ein blasses  Himmelblau zierte seither seine Front, die in einem dunklen Blau gehaltenen Fensterläden drängten sich in den  Vordergrund.   Auf halben Weg hielt die junge Frau inne und schaute sich um. Wehmütig flog ihr Blick über Blumenbeete, Gartenweg und suchte das Windspiel über der Tür. Sein leises Klimpern erinnerte sie an die Zeit, als sie noch ein kleines Mädchen  gewesen war. Ihre Mutter hatte ihr oft eine beschwingte Melodie zu den Tönen der bunten Glöckchen vorgesummt.   Entsetzt schaute sie jetzt zur Tür als sie ihre Mutter im Türrahmen erblickte, die ihr zuwinkte, so, wie sie es immer tat. Mit ausgebreiteten Armen rannte sie auf sie zu. An der ersten Treppenstufe, die zum Eingang hinaufführte, blieb sie  stehen.    Das Bild ihrer Mutter war verschwunden, ihre verletzte Seele hatte ihr ein Trugbild vorgegaukelt: Der einzige Mensch, der für sie Familie gewesen war, hatte sich leise davongeschlichen.   Sie straffte die Schultern, holte tief Luft und drehte den Schlüssel im Schloss. Die Tür sprang auf, der vertraute Duft  getrockneter Rosenblätter drang an ihre Sinne. Beklommen trat sie ein und wagte nicht, die Tür hinter sich zu schließen.   Die Räume lagen verwaist, Staub hatte sich in den letzten Monaten auf den Möbeln breit gemacht, doch die junge Frau kümmerte es nicht. Auf ihrem Weg durchs Haus erinnerte sie sich an behütete Kindertage. Später, in ihrer Jugendzeit,  hatte sie oft mit ihrer Mutter gestritten. Heute kam ihr diese spannungsgeladene Zeit wie ein Sommerspaziergang vor.  Bedeutungslos erschienen ihr die Wortgefechte von damals, im Gegensatz zu dem Kampf, den sie beide im letzten Jahr  gekämpft und schließlich doch verloren hatten.   Im Zimmer ihrer Mutter streifte ihr Blick das alte Vertiko, das nicht zu den restlichen Möbeln im Haus passte.   Niemals hatte sie die Schübe allein öffnen dürfen. Selbst die Augenblicke, in denen ihre Mutter ein Schubfach in ihrem Beisein aufgezogen und ihm etwas entnommen hatte, konnte sie an einer Hand abzählen.   Oft schlich sie sich ins Zimmer, um die verbotenen Dinge unter die Lupe zu nehmen, von denen sie glaubte, dass sie in diesem Schrank schlummerten. Immer, wenn sie die Hände auf das warme Holz legte, stieg Angst in ihr auf ertappt zu  werden, und Zweifel an der Richtigkeit ihres Tuns machten sich breit. Nur ein einziges Mal wagte sie es den oberen  Kasten ein kleines Stück herauszuziehen. Von dessen Inhalt war sie enttäuscht: Nichts als alte Wäsche, in die Jahre  gekommen und vergilbt. Leise schob sie das Schubfach wieder zu und stahl sich auf Zehenspitzen aus dem Zimmer. Ihre Mutter bedachte sie später an diesem Tag mit einem strengen Blick. Dann erzählte sie ihr eine Geschichte aus der Zeit, als sie selbst noch ein Kind gewesen war. Sie ging zum Vertiko und holte zwei auserlesene Stücke hervor, welche sie  damals bekommen hatte, an denen wundervolle Erinnerungen und ihr ganzes Herz hingen. Kein Wort hatte sie über den Ungehorsam der Tochter verloren, doch die junge Frau glaubte seit jenem Tag, ihre Mutter enttäuscht zu haben.   Schnell schob sie die düsteren Gedanken beiseite und lief die Treppe hinab. Sie atmete tief die frische Luft ein, die zur offenen Eingangstür hereinströmte. Ein paar Schritte, dann öffnete sie die Kofferraumklappe ihres Autos und nahm die leeren Umzugskartons heraus, die sie gestern im Baumarkt gekauft hatte. Ein paar Erinnerungsstücke würde sie  hineinpacken, mehr nicht. Um einen Käufer für das Haus hatte sie sich noch nicht gekümmert, doch sie wusste, dass sie ihr Elternhaus verkaufen musste. Sie hatte es ihrer Mutter versprochen und sie würde ihr diesen letzten, wenn auch  seltsamen Wunsch, erfüllen. Dennoch trauerte sie schon jetzt um dieses Haus, welches das einzig Vertraute war, dass sie noch besaß.    Sie hatte keine Geschwister, ihren Vater kannte sie nicht. Nie hatte ihre Mutter von Verwandten gesprochen und sie  hatte sie auch nicht danach gefragt. Beide hatten sie nichts vermisst, ihre Zweisamkeit war ihnen genug gewesen.   Gedankenverloren ging sie zum Haus zurück, stieg die Stufen wieder hinauf und begann auszuräumen. Sie öffnete das alte Vertiko und packte eilig dessen Inhalt in die Kartons. Sie überlegte nicht lange, zögerte nicht, betrachtete nur  oberflächlich, was sie den Schüben entnahm. Sie würde diese Dinge erst später genauer betrachten, noch waren die  Erinnerungen zu schmerzlich.     Als alles eingepackt war, trug sie die wenigen Kartons die Treppe hinunter und stapelte sie neben der Eingangstür  übereinander auf. Dann lief sie noch einmal die Stufen hinauf und legte einen großen Zettel, mit der Aufschrift „Bleibt  hier!“, auf das Vertiko. Der Unternehmer, den sie beauftragt hatte die Wohnung aufzulösen, würde in der nächsten  Woche mit seiner Arbeit beginnen und sie musste sicher gehen, dass er das alte Möbelstück nicht entsorgte.   Versonnen strich sie über die feine Politur und überlegte, wie sie es anstellen sollte, das gute Stück in ihre Wohnung am anderen Ende der Stadt zu transportieren. Als sie es ein Stück von der Wand abrückte um sein Gewicht zu prüfen,  ertastete sie einen Gegenstand an der Rückwand. Noch einmal zog und schob sie, dann ertasteten ihre Hände, was sich ihren Augen noch verbarg. Vorsichtig zog die junge Frau ein Bild hervor, das nicht gerahmt war. Sie trat damit näher zum Fenster, durch das die Sonne jetzt hell ins Zimmer schien. Eine Weile betrachtete sie das Bild, das genau wie das Vertiko in die Jahre gekommen war. Es zeigte ein Haus, das sie nicht kannte. Selbst die Umgebung, in der dieses imposante Haus stand, war ihr unbekannt. Das mit Ölfarbe gemalte Bild gefiel ihr und so gesellte es sich zu den Kartons neben der Tür.   Leise, nicht ohne schmerzvolle Blicke, streifte sie dann ein letztes Mal allein durch die Räume.   „Lebewohl.“ Mit Tränen in den Augen, die sie nicht mehr zurückhalten konnte, zog sie die Tür hinter sich ins Schloss. Sie atmete tief durch und kämpfte gegen ihren Schmerz an.   Tapfer marschierte sie zu ihrem Auto, ließ die glücklichen Tage in diesem Haus zurück und machte sich auf den Weg in eine Zukunft, von der sie nicht wusste, wo sie lag. Erstes Kapitel Insel Rügen, Mecklenburg-Vorpommern 1945 Der Morgen dämmerte bereits als Rose die Augen aufschlug. Verschlafen blinzelte sie ins Halbdunkel des Zimmers.  Einen Augenblick musste sie überlegen wo sie sich befand. Als es ihr wieder einfiel setzte sie sich mit einem Ruck im  Bett auf und schaute zum Wecker auf dem Nachtkästchen. Er tickte   laut und mahnend. Schon Acht! „Jetzt sind sie  gewiss unterwegs“, wisperte das junge Mädchen. Heftig pochte Roses Herz gegen ihre Rippen und sie meinte, es würde  das lärmende „tack, tack, tack“ des Weckers noch übertönen. Kalter Schweiß trat ihr auf die Stirn und rann ihre Schläfen hinunter. Kraftlos ließ sie sich zurück in die Kissen fallen.   Vor vier Jahren hatte sie das letzte Mal hier, in ihrem Elternhaus, übernachtet. Dann war sie zu ihrer Schwester Flora  und deren Familie in die große weiße Villa am Strand gezogen. Seither besuchte sie ihre Mutter und die Schwestern  regelmäßig.   Rose hatte ihr neues Leben in dem herrschaftlichen Haus  in vollen Zügen genossen. Wunderbar waren die  vergangenen vier Jahre gewesen. Und nun das! Was sollte sie nur tun? Flora hatte nicht eine Sekunde gezweifelt, dass sie mit ihr nach Hannover käme und war nun, ob Roses Wankelmut, ärgerlich und traurig. Aber so einfach war das nicht:  Hier war doch ihr Zuhause, waren Mutter und Geschwister, hier war sie aufgewachsen und so lange sie denken konnte, hatte sie die Insel nie länger als für ein paar Stunden verlassen.   Langsam schob Rose ihre Beine über die Bettkante und setzte sich auf den Rand. Im Zimmer war es kalt, Eisblumen  zierten die Fensterscheiben, sie bemerkte es nicht. Eine Weile blieb sie reglos sitzen, dann kam Leben in das junge  Mädchen. Schnell stand sie auf und kleidete sich mit klammen Fingern an. Sie tupfte die Fingerspitzen in das kalte  Wasser, das in der Schüssel neben dem Frisiertisch stand.  Am Abend zuvor hatte sie es versäumt, die Schüssel zu leeren. „Katzenwäsche“, sagte sie leise zu sich selbst und lächelte: Und wenn schon, es musste heute Morgen genügen.   Froh, nach dieser furchtbaren Nacht in der sie nur wenig Schlaf gefunden hatte, noch zu einem Entschluss gekommen zu sein, verließ sie das Zimmer.    Elisabeth Hoffmann legte ein weißes, gut gestärktes und sorgfältig gebügeltes Tischtuch - das Einzige, welches sie noch besaß -, auf den Tisch in der guten Stube. Einige von diesen Tüchern hatte sie ihren Töchtern in die Aussteuertruhen  gelegt, die meisten aber waren im Lazarett gebraucht worden, um die Wunden der Soldaten zu verbinden. Seit Jahren  hatten sie hier, in dem kleinen Wohnzimmer, keine Mahlzeiten mehr eingenommen. Doch heute würde sie alles in die  Waagschale werfen, um ihre jüngste Tochter davon zu überzeugen, dass sie bei ihnen bliebe. Zwei von sechs Töchtern  wohnten noch unter ihrem Dach: Erika und Margaritha, neunzehn und siebzehn Jahre alt. Iris und Camilla hatten bereits, genau wie ihre Älteste, das Haus verlassen. Hannes, ihr Mann, war gefallen und die kleine Frau war vor Kummer ganz  krank.   „Lass meine Rose bei mir bleiben, lieber Gott“, flehte sie leise mit einem Blick zur Zimmerdecke.   „Guten Morgen, Mama.“ Rose trat staunend ein. „Wollen wir heute etwa hier frühstücken?“ Ungläubig sah sie ihre  Mutter an.   „Guten Morgen, meine Kleine. Ich dachte wir lassen es uns heute so richtig gut gehen. Es ist so lange her, als wir das  letzte Mal hier zusammensaßen.“   „Ich kann mich gar nicht erinnern schon jemals im Wohnzimmer gefrühstückt zu haben.“   „Doch, doch Kind! Als Vater noch lebte, immer sonntags!  Du kannst dich nur nicht erinnern, weil du damals noch zu jung warst!“ Elisabeth stellte die guten Porzellantassen auf den Tisch. Das Kaffeeservice war nicht mehr vollständig,  einige Teile waren längst zerbrochen. Es würde nicht auffallen, sie waren ja nur noch zu viert. „Rose, lauf in die Küche  und hol Kaffee, Zucker und Sahne. Es steht alles bereit!“   Rose ging und tat wie ihr geheißen. Beim Anblick des beinahe schon festlich gedeckten Tisches hatte sich ihr schlechtes Gewissen gemeldet und nun machte sich Traurigkeit  in ihr breit. Wie sollte sie ihrer Mutter beibringen, dass sie mit  Flora und den anderen fortgehen wollte. Bis zum Mittag musste sie es geschafft haben. Am Nachmittag würde sie mit  Gustav und Hermine in das Auto dieses Onkel Max steigen und nach Hannover fahren. Zuvor musste sie noch ihre  Sachen zusammenpacken, die im Haus ihrer Schwester auf sie warteten: Und das waren nicht Wenige! In den  vergangenen Jahren hatte sich einiges angesammelt, oft war sie von Heinrich beschenkt worden. Immer darauf bedacht, dass es ihr an nichts fehlte, hatte er ihre Garderobe beträchtlich erweitert.    Das Tablett mit Kaffeekanne, Zuckerdose und Sahnekännchen vor sich hertragend, ging Rose wieder hinüber zu ihrer Mutter. Sie traute kaum aufzusehen, konnte ihr nicht in die Augen schauen. Schweigend stellte sie alles auf den Tisch  und hoffte, Mutter würde sie nicht vor dem Frühstück fragen, zu welchem Entschluss sie gekommen war. Sie hörte Erika und Margaritha schwatzend die Treppe herunterkommen und atmete erleichtert auf.   Eine kurzweilige Stunde, angefüllt mit lustigen Plaudereien war vergangen, als Roses Schwestern das gemeinsame  Frühstück beendeten. Flink halfen die beiden jungen Mädchen beim Abräumen. Rose blieb sitzen und überlegte  fieberhaft, wie sie ihre Entscheidung mitteilen sollte. Sie glaubte, nicht die richtigen Worte zu finden, doch es half nichts, sie musste es hinter sich bringen: Ihre Schwestern verließen gleich das Haus, um an ihre Arbeit zu gehen. Rose wollte  sich herzlich von ihnen verabschieden. Gott allein wusste, wann sie sich wiedersähen. Noch einmal holte das junge  Mädchen tief Luft.   „Erika, Margaritha! Setzt euch bitte noch einen Augenblick. Ich habe euch etwas zu sagen.“ Roses Stimme zitterte und sie biss sich nervös auf die Unterlippe.   „Mach schnell Rose, wir müssen los!“, forderte Erika sie auf und blieb neben dem Tisch stehen. Margaritha sah ihrer  kleinen Schwester in die Augen und ahnte, was sie ihnen gleich mitteilen würde. Sie nahm ihre Mutter in den Arm, die  wie gebannt im Raum stand und bleich wie die gekalkte Küchenwand war.   „Ich fahre heute Nachmittag mit Heinrichs Onkel nach Hannover.“ Jetzt war es raus. „Bitte nicht böse sein“, flehte sie, nicht sicher, ob sie sich richtig entschieden hatte. „Ich denke, ich habe in Hannover bessere Chancen einen guten Beruf  zu erlernen und eines Tages ein sorgenfreies Leben zu führen.“ Das war gelogen, Rose wusste es genau. Sie hatte noch  keinen einzigen Gedanken an ihre berufliche Zukunft verschwendet, und egal wie schwer es fiel  Mutter und Schwestern zu verlassen, sie wollte bei Flora sein.   Elisabeth schluchzte auf. Wieder eine Tochter, die sie verlor. Flora scherte sich kaum noch um sie, Iris war nach  München gegangen und sie hatte ihre Zweite schon drei Jahre nicht gesehen. Camilla lebte im Schwarzwald und in den  letzten beiden Jahren war genau eine Ansichtskarte von dort gekommen. Elisabeth rechnete nicht damit, dass es sich bei Rose anders verhalten würde.   „Rose, mein Kind, meine Kleine! Hast du dir das auch gut überlegt?“, fragte sie, in der Hoffnung ihre Tochter noch  umzustimmen. „Hier ist doch deine Heimat! Hier sind deine Freunde! Willst du wirklich fortgehen?“   „Ach Mama, mach es mir doch nicht so schwer. Ich verspreche dir, dass ich dich ganz oft besuche.“   Das hatten Iris und Camilla ihr ebenfalls versichert, Elisabeth glaubte nicht mehr daran. Flora war ohne  derartige  Versprechungen gegangen. Sie hatte keine Zweifel aufkommen lassen, dass sie nie wieder zurückkäme.   „Bleib bei uns.“ Elisabeth sah ihre Jüngste beschwörend an.   „Nein, Mama. Ich möchte mit Flora gehen. Bitte verbiete es nicht!“   „Du wirst erst Fünfzehn, Rose. Du weißt noch nicht, was gut für dich ist. Ich habe die Verantwortung für dich. Ich  weiß nicht…“   „Bitte Mama! Flora passt gut auf mich auf. Das hat sie schließlich in den letzten vier Jahren auch getan!“   „Gewiss. Aber da warst du hier im Ort, und ich konnte nach dir schauen, hatte immer ein Auge auf dich.“   Rose ließ den Kopf hängen. Oft hatte ihre Mutter sich nicht um sie gekümmert, war froh gewesen, einen Esser weniger am Tisch zu haben. Als ihre Mutter die Nachricht vom Tod Roses Vaters bekommen hatte, war sie wochenlang nicht aus dem Haus gegangen, hatte sich in ihrer Trauer von der Welt abgewandt und war bis heute nie wieder richtig gesund  geworden.   Trotzig warf Rose den Kopf in den Nacken und schaute ihre Mutter herausfordernd an. Elisabeth erschrak: Hatte sich das Kind Floras Benehmen abgeschaut? Sie hätte ihre Kleine nie ziehen lassen dürfen, erkannte sie in diesem Augenblick. Was sollte sie tun? Sie hatte nicht die Kraft mit Rose zu streiten. Elisabeth löste sich aus der Umarmung Margarithas, die, genau wie Erika, bei Roses Eröffnung still geworden war. Elisabeths Knie zitterten, sie setzte sich wieder an den Tisch  und stützte den Kopf in die Hände.   Rose erschrak. Sie blickte auf die schmal gewordene, kleine Gestalt ihrer Mutter, die jetzt leise weinte. „Mama, weine  doch nicht!“ Sie wollte sich vom Stuhl erheben und ihre Mutter in die Arme nehmen, doch sie blieb wie gebannt sitzen, nicht fähig sich zu rühren. Was sollte aus ihrer Mutter werden, wenn Erika und Margaritha das Haus verließen? Lange  dauerte das gewiss nicht mehr. Rose erkannte, dass ihre Mutter nie wieder so werden würde, wie sie einmal gewesen war. Der Tod des Vaters hatte ihr mehr zugesetzt, als sie alle es wahrhaben wollten.   Elisabeth hob den Kopf und schaute ihre Tochter mit tränenverschleiertem Blick an. Sie wusste, dass es zu spät für  Verbote war. „Schon gut, mein Kind. Ich weine ja schon nicht mehr. Deine Schwestern werden mir beistehen, wenn  mich die Traurigkeit überfällt.“ Sie blickte eine nach der anderen an. Margaritha und Erika nickten ihr aufmunternd und bestätigend zu. „Ich bitte dich nur um eines, Rose!“   „Ja, Mama. Ich erfülle dir jeden Wunsch!“   „Such dir in der Stadt eine gute Ausbildungsstelle und mach was aus deinem Leben. Ich habe immer nur das Beste für  euch alle gewollt, hoffte, meinen Töchtern ginge es einmal besser.“   „Das verspreche ich dir, Mama.“ Rose lief um den Tisch und erdrückte ihre Mutter fast, als sie sie ganz fest in die  Arme schloss, um sie lange nicht mehr loszulassen.   Elisabeth Hoffmann dachte an Flora und den Trotz, den sie vor wenigen Minuten in den Augen ihrer Jüngsten gesehen hatte. Sie befürchtete, alles falsch gemacht zu haben und verfluchte sich für ihre Schwäche.   Rose war froh, der Enge des Elternhauses und den Tränen ihrer Mutter entflohen zu sein. Der Abschied von ihren  Schwestern war herzlich und weniger rührselig gewesen. Mit jedem Schritt, den ihre Füße sie der weißen Villa  entgegentrugen, verflogen ihre Zweifel. Sie hatte die richtige Entscheidung getroffen, sie wurde immer sicherer. Als sie  das große schmiedeeiserne Tor öffnete, das heute nicht verschlossen war, sah sie den Lieferwagen Onkel Max‘ am  Nebeneingang der Villa stehen. Aus Angst, Gustav, Hermine und Max könnten denken, dass sie nicht mitkommen wolle, lief sie die letzten Meter in schnellem Tempo. Außer Atem drückte sie auf den Klingelknopf. Ihren Schlüssel hatte sie  vergessen als sie gestern, völlig verstört und zweifelnd, das Haus Hals über Kopf verlassen hatte. Kaum, dass sie den  Finger von der Klingel nahm, wurde auch schon die Tür aufgerissen.   „Rose! Da bist du ja! Gustav und Max dachten schon, du kommst nicht mehr.“ Hermine stand bereits reisefertig in der Tür und strahlte glücklich. „Komm rein, Mädchen!“   „Ich muss noch packen!“, rief Rose und stürmte an Hermine vorbei.   „Nein, warte! Ich habe alles zusammengepackt, was ich in deinen Schränken fand. Du musst nur nachschauen ob ich   nichts vergessen habe.“   „Du hast für mich gepackt? Woher wusstest du denn, wie ich mich entscheide?“   Hermine zuckte die Schultern. Sie war fest davon überzeugt gewesen, dass Rose mit ihnen nach Hannover käme. Sie  kannte das Mädchen gut und wusste, wie sehr sie sich zu Flora hingezogen fühlte, mehr als zu ihrer Mutter. Sie hatte sie in den letzten Jahren hier aufwachsen sehen und auch sie glaubte, dass es für Rose das Beste sei mit den Herrschaften die Insel zu verlassen. Die Zukunft, die sich dem Mädchen hier bot erschien Hermine nicht rosig und der Umstand, dass  Roses Mutter krank war, verstärkte die Bedenken der Köchin noch.   „Gustav!“, rief Hermine nach dem Diener, mit dem sie schon manchen Kampf ausgefochten hatte. „Gustav!“, schrie  sie noch einmal, wenngleich sie wusste, dass er im oberen Stockwerk  beschäftigt und nicht mehr so flink auf den Beinen war.   „Was schreien Sie denn so, Hermine? Ich kann doch nicht hexen!“ Erbost schaute er vom oberen Treppenabsatz auf sie herunter. Hermine schmunzelte. Sie wollte ihn ärgern und er wusste das auch. Im Stillen hatten sie schon lange Frieden  miteinander geschlossen, doch diese kleinen Plänkeleien waren in der trostlosen Zeit ihr Salz in der Suppe.   „Schauen Sie Gustav, wer gekommen ist!“   Gustav lächelte, als er Rose sah. Einen Augenblick dachte er an ihre Mutter. Auf seiner Stirn erschienen Falten, die  Hermine sofort richtig deutete. Sie stieg hinter Rose die Treppe hinauf. „Die kleine Frau hat noch zwei Töchter im   Hause. Die werden sich schon um ihre Mutter kümmern“, flüsterte sie Gustav im Vorbeigehen zu. Gustav nickte kaum merklich, er war nicht davon überzeugt.   „Gustav, wo stecken Sie?“ Max von Langenberg rief ungeduldig nach ihm. In dieser Jahreszeit brach die Dunkelheit  bereits gegen vier Uhr herein, und er wollte noch bei Tageslicht die Rückfahrt antreten.   „Ich komme schon, Herr Graf!“ Eilig ging Gustav wieder an seine Arbeit.   Rose stand in ihrem Zimmer und öffnete ein Schrankfach nach dem anderen, alle waren leer. Die Köchin hatte ganze  Arbeit geleistet.   „Na, hab ich was vergessen?“, fragte Hermine die hinter Rose ins Zimmer getreten war.   „Nein, Hermine. Vielen Dank!“ Das Mädchen schaute sich wehmütig im Raum um, indem sich nur noch  Kleiderschrank und  Bett befanden. Der große Schrank wies freilich viele Schübe auf, doch Hermine schien auch in den letzten Winkel geschaut zu haben. Rose bückte sich und sah unters Bett. „Hier, Hermine!“, rief sie. „Violas Puppe!“   „Wie kommt die Puppe denn dorthin?“   „Du kennst doch meine kleine Nichte! Unordentlich, wie meine große Schwester.“ Rose lachte und klopfte den Staub  von der Stoffpuppe. „Hoffen wir mal, dass Viola den ersten Mittagsschlaf in ihrem neuen Zuhause auch ohne ihre  Puppe gut überstanden hat.“   „Viola hat nach der langen, anstrengenden Fahrt sicher gut  geschlafen. Aber Martha, na, die wird was erlebt haben!“  Erschrocken hielt Hermine die Hand vor den Mund.   „Da hast du recht, Hermine. Die arme Martha! Flora wird getobt haben“, sagte Rose nachdenklich.   „Komm, Mädchen! Wir müssen sehen, dass wir fertig werden.  Graf Max ist schon ganz ungeduldig.“   Gemeinsam gingen sie über den langen Korridor und schauten noch einmal in alle Räume bevor sie die Treppe  hinunterstiegen. Rose war ganz weh ums Herz. Wie liebte sie dieses Haus.   Gustav und der Graf verstauten gerade Taschen und Koffer im Transporter. In der großen Halle standen diverse  Bilder, Tischleuchter und Kästen mit Tafelsilber, die alle darauf warteten verstaut zu werden. Rose und Hermine packten kräftig mit an, und Graf Max staunte über das junge Mädchen, die bereitwillig selbst die schwersten Kisten auf die  Ladefläche hievte.   „Das kleine Fräulein kann ganz schön zupacken“, flüsterte er Gustav zu.   „Das liegt den Frauen mit den blumigen Namen im Blut“, erwiderte der alte Diener und lächelte.   „Ja, das hab ich schon bemerkt. Diese Flora, die mein Neffe sich da geangelt hat, scheint auch eine taffe Person zu  sein.“   Gustav gab Graf Max darauf keine Antwort.   Pünktlich, noch vor Vier, verließen sie das Anwesen der von Langenbergs. Als sie durch das große Tor auf die Straße  hinausfuhren, drehte keiner von ihnen den Kopf. Gustav starrte vor sich hin. Rose weinte leise und Hermine haderte  noch immer mit sich, wusste sie doch nicht, ob ihre Entscheidung die Heimat zu verlassen richtig gewesen war.   Graf Max von Langenberg schnürte es die Kehle zu. War er auch lange nicht in der Heimat gewesen, so erinnerte er  sich doch gut der glücklichen Tage, die er hier in seinem Elternhaus verbracht hatte. Als sein Bruder damals Isolde  geheiratet hatte, war er schon auf und davon gewesen. Seither hatte er nie wieder den Drang verspürt hierher  zurückzukehren. Seine Eltern waren vor mehr als einem Jahrzehnt kurz hintereinander verstorben und sein Bruder war  ihnen vor fünf Jahren gefolgt.     Er lächelte wehmütig, dann dachte er an seine sorglose Jugendzeit zurück.   Ein fescher Bursche war er damals gewesen, jede Frau hatte er um den Verstand gebracht und sie dann fallen lassen,  wenn sie ihm überdrüssig geworden war. Schlussendlich war er allein geblieben und hatte sich seiner Arbeit verschrieben.   Er konnte mit Stolz von sich behaupten, ein guter Geschäftsmann zu sein.   In all den Jahren hatte er nicht nur ein großes Vermögen angehäuft, sondern auch geliebt und gelebt wie ein König. Dieser verflixte Krieg hatte ihn ausgebremst und seinen Wohlstand geschmälert. Doch wenn er es sich recht überlegte  kam er zu dem Schluss, dass sein Vermögen größer war, als er bis an sein Lebensende auszugeben vermochte: Einen  Erben in die Welt zu setzen, dazu war er nie bereit gewesen. Er bereute es bitter, doch es war zu spät. Wie wohl alles  gekommen wäre, wäre er damals auf der Insel geblieben und hätte sich nicht feige aus dem Staub gemacht?     „Passen Sie doch auf!“, schrie Hermine in größter Panik, als er um ein Haar auf ein am Straßenrand haltendes Auto  aufgefahren wäre. Schnell wich er in halsbrecherischem Tempo aus.   „Wollen Sie uns alle umbringen? Wo sind Sie bloß mit Ihren Gedanken?“, wetterte die Köchin aufgebracht.   Graf Max räusperte sich. „Schon gut, schon gut. Es ist ja nichts passiert.“ Dann nahm er den Fuß vom Gas und fuhr in gemächlicherem Tempo über den Rügendamm, dem Festland entgegen.   Sein Herz klopfte laut und unregelmäßig als er die Insel hinter sich ließ: Und Max von Langenberg ahnte, dass es ein  Abschied auf ewig war.       
Aktuelles